Erlebnisse einer Pionierin

22.10.2009

Doppeljubiläum: 35 Jahre Zollfachfrauen - 20 Jahre Grenzwächterinnen

Unsere Kolleginnen werden sich noch gut daran erinnern: Diesen Juli haben die garaNto-Sektionen die weiblichen EZV-Angestellten mit einem pfiffigen Sommergeschenk beehrt: einem Lippen-/Sonnenschutz-Stift, zusammen mit einem Werbebrief von garaNto; letzterer natürlich vor allem für Nichtmitglieder.

Mit der Werbeaktion hat garaNto - und offenbar einmal mehr garaNto allein! - das Doppeljubiläum „35 Jahre Zollfachfrauen - 20 Jahre Grenzwächterinnen" gewürdigt.

Eine Kollegin, die fast von Anfang an dabei gewesen ist, ist Linda Casanova Siccardi. Linda hat als blutjunge Frau am 09.07.1979 ihre zolltechnische Ausbildung an der Zollschule Liestal begonnen und am 01.07.1980 ihre Arbeit als Zollfachfrau auf dem Zollamt Basel Freiburgerstrasse aufgenommen - damals etwas völlig Neues. Hier ihre spannenden Erlebnisse und Erfahrungen als erste diplomierte Tessiner Zöllnerin.

OZ


Interview mit Linda Casanova Siccardi, Ponte Tresa

OZ: 1979 waren Sie die erste Zollfachfrau aus dem Tessin. Wie waren Ihre ersten Eindrücke?

Linda Casanova Siccardi: Den ersten Eindruck - oder besser gesagt: Schock - hatte ich an der Zollschule Liestal. Die war damals noch in der alten Militärkaserne, und auch die Unterrichtsweise war völlig anders als in den öffentlichen Schulen.

Die zweite Herausforderung kam, als ich entdeckte, dass unsere Verwaltung eine reine Männergesellschaft war. Für eine Frau gab es damals noch keinen klaren Platz und keine bestimmte Rolle. Besonders im Tessin war das damals ja eine ausgesprochene Seltenheit. Ich fühlte mich gewissermassen als ein „neues Produkt", an welches sich die Kollegen und die Kunden - das waren mehrheitlich Lastwagenfahrer - zuerst gewöhnen mussten. Auch das Arbeitsumfeld und die Strukturen waren noch nicht für die Gegenwart einer Frau eingerichtet. So hatte ich das Glück und das Pech, am eigenen Leib zu erfahren, wie verschieden das Verhalten und die Kommunikation der männlichen gegenüber jener der weiblichen Welt ist.

Weshalb haben Sie diesen Beruf gewählt?

Weil mir die reine Bürotätigkeit, die oft statisch ist, nicht zusagte. Die EZV bot mir die Möglichkeit, meine Kenntnisse im vielerlei Hinsicht zu erweitern. Ich konnte meine Sprachkenntnisse durch die Arbeit in anderen Kantonen verbessern, ein Praktikum in Brüssel absolvieren, internationale Abkommen kennenlernen und umsetzen und mich im Personalwesen ausbilden... Und das alles ohne den Arbeitgeber zu wechseln. Ausserdem war mein Vater beim GWK, und ich betrachtete die Tätigkeiten der EZV als wichtig für das Volk, die Umwelt und die Regierung unseres Landes.

Sie sind jetzt schon 30 Jahre beim Zoll. Welches war die grösste berufliche Veränderung in all diesen Jahren?

Die Arbeitsmittel und die Prozesse sind ja in ständiger Entwicklung. Aber davon abgesehen ist es sicher die Veränderung im Umgang mit Kollegen und mit den Führungsorganen. Vor vielen Jahren konnte man die EZV als eine grosse Familie empfinden. Heute gibt es diese Wahrnehmung nicht mehr - genauso wenig wie in der Privatwirtschaft.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Mir passt die Vielfältigkeit und Komplexität der Aufgaben, welche wir täglich erledigen müssen - und nicht zuletzt der Kundenkontakt, der für mich sehr wichtig ist.

Welches sind die unangenehmen Seiten - einst und jetzt?

Es ist schwierig, das von früher dem von heute gegenüberzustellen - mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen -, insbesondere angesichts der gewaltigen Veränderungen, inbegriffen jene, die noch im Gang sind. Etwas Mühsames ist aber die Pflicht, seine Tätigkeiten nachzuweisen und zu beziffern, wenn man, wie ich, über viel Erfahrung und Kenntnisse verfügt. Die Statistik und die ständige Datensammlung hat ein Ausmass erreicht, das bezüglich des zeitlichen Aufwandes meiner Meinung nach unverhältnismässig ist. Erst recht, wenn man dies mit dem Personalabbau in Beziehung bringt.

Die von der Privatwirtschaft übernommenen neuen Managing-Systeme passen nicht immer zur Realität einer öffentlichen Fiskalbehörde wie der EZV und führen zu Unausgewogenheit bei den zwischenmenschlichen Beziehungen. Es betrübt mich, dass die Tendenz zum generellen Abbau der öffentlichen Dienste - durch die Illusion der Privatisierung - mit der Zeit zu einer Verarmung der Bevölkerung führen wird.

Seit wann sind Sie Mitglied von garaNto bzw. dem damaligen Verband Schweizerischer Zollbeamten - und warum?

Ich bin schon so lange dabei, dass ich mich nicht mal mehr ans Eintrittsdatum erinnere. Ich war auch rund zehn Jahre lang im Vorstand des VSZB TI aktiv. Hauptgrund ist meine Glaube an den Gemeinschaftssinn und den konstruktiven Dialog mit den Entscheidungsträgern. Nach meiner Auffassung ist und bleibt das Personal die wichtigste Komponente jedes Unternehmens.

Für Vertreter des Personals ist die Bedeutung der Gewerkschaft daher eine grundlegende, gerade auch wegen der sozialen Rückschritte, die wir seit mehr als zehn Jahren erlitten haben. Es ist schade, dass die Schweiz keine wirklich gewerkschaftliche Tradition hat und die Politiker der Beziehung zu den Sozialpartnern nicht genug Bedeutung beimessen.

Abgesehen vom Zoll: welches ist Ihr Hobby oder Ihre Leidenschaft?

Meine grosse Leidenschaft sind Tiere, die Natur und ausgedehnte Spaziergänge.

 


(Foto: TI)

Zurück zur Übersicht

 

Keine Angst vor der Personalbeurteilung! - Merkblatt Garanto

weiterlesen