Neue Regeln für den Wandel

SGB: Digitalisierung als Chance und Risiko

Die technologische Umwälzung, die als „Digitalisierung“ zusammengefasst wird, hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren. Der SGB fordert Rahmenbedingen zum Schutz der Beschäftigten.

Die „Digitalisierung“ ist ein wirtschaftspolitisches Top-Thema. Die Meinungen über die Bedeutung und die bevorstehenden Entwicklungen im Rahmen der Digitalisierung gehen weit auseinander. Es gibt sehr unterschiedliche Szenarien. Eine besonders aktive Rolle spielen Beratungsfirmen, welche Extremszenarien mit Stellenverlusten von bis zu 50% und fundamentalen Umwälzungen in der Produktion und in der Arbeitsorganisation in die Welt gesetzt haben. Viele Menschen sind verunsichert und haben Zukunftsängste: Was passiert mit ihrer Arbeitsstelle? Wird ihr Beruf kurz oder mittelfristig verschwinden? Wird Erwerbsarbeit als solche verschwinden?

Digitalisierung ist nichts Neues

Tatsache ist, dass die Digitalisierung schon länger im Gange ist. Der flächendeckende Einsatz von Computern und die Verarbeitung grosser Mengen von Daten sind in den Banken, Versicherungen, der Logistik usw. bereits seit über zehn Jahren selbstverständlich. Für die betroffenen Beschäftigten waren die Auswirkungen unterschiedlich. Probleme gab es beispielsweise bei älteren Mitarbeitenden, bei denen es der Arbeitgeber verpasst hat, sie rechtzeitig über Aus- und Weiterbildung auf die Veränderungen vorzubereiten. Bei den neueren Entwicklungen spielen die digitale Vernetzung bzw. das Internet eine zentrale Rolle.

Tiefgreifende technologische Neuerungen gab es in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder. Diese Neuerungen sind von Menschen gemacht und somit beeinflussbar. Das Ziel muss sein, dass die technologischen Neuerungen den Berufstätigen und der Bevölkerung nützen.

Maschinensturm…

Man kann zwei Radikalpositionen zur technologischen Rationalisierung unterscheiden: die „Maschinenstürmer“ und die „Befreiung von entfremdeter Arbeit durch Technologie“. Die „Maschinenstürmer“ haben u.a. 1832 in Uster die Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister angezündet, weil die Maschinen als arbeitsplatzvernichtend betrachtet wurden.

… oder Lustprinzip

Die zweite radikale Sichtweise wurde z.B. 1955 vom Philosophen Herbert Marcuse im Buch „Eros and Civilization“ (deutsch v.a. bekannt als „Triebstruktur und Gesellschaft“) auf den Punkt gebracht. Dank Maschinen könne der Mensch der entfremdeten Arbeit entfliehen und dem Lustprinzip folgen: radikale Arbeitszeitverkürzung mit entsprechender Umverteilung der Einkommen.

Viele der Zukunftsszenarien, die fundamentale Veränderungen voraussagen, kommen aus der Beratungsbranche, die damit auch Geld verdient.  Ein bemerkenswerter Prognosefehler unterlief dem Vorstandssprecher von PWC Deutschland im Jahr 2010. Er behauptete damals: „Assistenzen, Sekretäre/-innen sind vorbei. Sie werden in 5, 6 Jahren durch Avatare ersetzt“. Tatsache ist aber, dass heute in der Schweiz nach wie vor rund 280‘000 Personen als kaufmännische Angestellte (inkl. Büroberufe) tätig sind. Das sind ungefähr gleich viele wie 2010.

Missbrauch und Tricks

Gewisse Unternehmen versuchen auch, weil sie traditionelle Dienstleistungen (z.B. Taxifahrten) mittels digitaler Technologien anzubieten, sich den einschlägigen Regelungen der Branche (Sicherheitsregelungen, Gewerberegulierungen, Strassenverkehrsregeln) zu entziehen. Das hat nichts mit Innovation zu tun, sondern ist ein altbekannter Trick, um Marktteilnehmer aus dem Geschäft zu verdrängen.

Chancen und Risiken für Berufstätige

Wie der Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnologie die Arbeitswelt in den nächsten Jahren verändern wird, ist nur teilweise abschätzbar. Viele der in letzter Zeit in Publikationen und Medien kolportierten technologischen Neuerungen befinden sich noch in Pilotphasen oder sind unausgereift: selbstfahrende Autos/Busse, Drohnen zur Postzustellung, Pflegeroboter usw.

Die wirtschaftliche Rationalisierung und Mechanisierung hat in den letzten knapp 200 Jahren nicht zu einer Massenarbeitslosigkeit geführt. Erstens weil Gewerkschaften und Politik Arbeitnehmerrechte, Gesamtarbeitsverträge, höhere Löhne und soziale Sicherungssysteme durchgesetzt und die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten stark verbessert haben. Zweitens weil ökonomische Wirkungszusammenhänge dazu geführt haben, dass neue Arbeitsplätze entstanden sind und die Berufstätigen höhere Löhne erhalten haben.

Es gab aber immer wieder zahlreiche unmittelbar Betroffene, welche arbeitslos wurden oder firmenintern zu schlechteren Bedingungen eine andere Stelle antreten mussten.

Sofern Gewerkschaften und Politik auch in Zukunft ihre aktive Rolle spielen und die wirtschaftlichen Prozesse zugunsten der Arbeitnehmenden beeinflussen, dürfte sich an der insgesamt positiven Entwicklung auch in nächster Zeit nichts Fundamentales ändern.

Das Risiko, von den Veränderungen durch die Digitalisierung negativ betroffen zu werden, ist je nach Berufs- und Bevölkerungsgruppe unterschiedlich. Folgende Bereiche gehören wohl zu den sensibelsten:

  • Berufstätige in Branchen mit besonders starkem strukturellem Wandel, z.B. im Verlagswesen (z.B. durch Verlagerung von Werbung ins Internet), in gewissen kaufmännischen Tätigkeiten (Offshoring, Rationalisierung), gewisse Detailhandelsberufe (E-Commerce), gewisse Tätigkeiten in der Industrie.
  • ältere Berufstätige haben im Falle eines Stellenverlustes geringere Chancen wieder eine Stelle zu finden. Auch bei der Aus- und Weiterbildung sind sie tendenziell benachteiligt.
  • Berufstätige mit schlechter Ausbildung. Eine gute Ausbildung, z.B. eine Lehre, ist oft eine Voraussetzung für den Erwerb von Zusatzqualifikationen, aber auch für Umschulungen. Personen ohne Lehre oder einer Lehre in einem anderen Beruf sind dann benachteiligt.
  • Berufstätige in arbeitsrechtlich prekären Berufen.

Forderungen des SGB

Der Strukturwandel durch die Digitalisierung muss so gestaltet werden, dass er den Berufstätigen nützt. So wie dies auch in der Vergangenheit der Fall war. Um negative Entwicklungen wie Arbeitslosigkeit, Lohndruck oder schlechtere Arbeitsbedingungen zu verhindern, braucht es entsprechende Schutzmassnahmen sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten:

  • konsequente Durchsetzung der heutigen Gesetze (Datenschutz, Arbeitsgesetz, usw.).
  • Missbräuche bekämpfen: Kontrollen, Klagen, konsequenter GAV-Vollzug usw.
  • Vollzugsoffensive der Kontrollbehörden (Gesundheitsschutz, Schwarzarbeit u.a.)
  • Regelungen fürs Home-office, wo Gesetzeslücken im Arbeitnehmerschutz bestehen, z.B. bezüglich Gesundheit, Materialkosten sowie Haftungsfragen
  • Keine Verschlechterungen im Arbeitsrecht unter Vorwand der Digitalisierung!
  • Neue GAV mit wirksamen Schutzbestimmungen in gefährdeten Branchen: Detailhandel, Journalisten/-innen, Taxi, Finanzbranche/Banken.
  • Förderung von GAV: Unzeitgemässe Hürden wie das überhöhte Arbeitgeberquorum müssen abgeschafft werden.
  • Sicherung der Arbeitsplätze, verbesserte Aus- und Weiterbildung
  • Finanzielle Unterstützung bei der Ausbildung bzw. Umschulung durch Kantone und Arbeitgeber
  • Bessere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in GAV, z. B. im Banken-GAV
  • Besserer Kündigungsschutz für langjährige ältere Arbeitnehmende
  • Aktive Geld- und Fiskalpolitik mit dem Ziel einer möglichst tiefen Arbeitslosigkeit
  • Generelle Lohnerhöhungen im Ausmass des Produktivitätswachstums
  • GAV mit Mindestlöhnen im Detailhandel, Taxigewerbe, Verlagswesen
  • Mitwirkungsrechte bei technologischen und betrieblichen Veränderungen
  • Gewerkschaftsrechte: Verankerung von Informations- und Zutrittsrechten der Gewerkschaften auch bei digitalen Arbeitsorganisationen

SGB (Okt. / Nov. 2017)


Garanto wird in der neuen Arbeitsgruppe „Digitalisierung“ des SGB durch Zentralsekretärin Heidi Rebsamen vertreten sein. 
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